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Goldstück

Natürlich heißt Goldstück anders, auch wenn er eins ist. Goldstück ist der Vetter eines mauretanischen Freundes in Nouakchott, und hat mich nach meiner Ankunft dort adoptiert. So gut wie jeden Abend habe ich bei ihm gegessen. Wenn ich mal nach der Arbeit erschöpft in meinem Zimmer blieb, kam er selbst abends um elf noch mit seinem klapprigen Kastenwagen vorbei, um mich abzuholen. Vorwurfsvoll bezichtigte er mich, schon woanders gegessen, und ihn damit verraten und beleidigt zu haben. Solcher Art Vorwürfe konnte ich nur dadurch zerstreuen, dass ich, selbst wenn ich nicht hungrig war, aß, bis mir die Schwarte platzte. Goldstück ist im Reinigungsgeschäft, d.h. er ist Kammerjäger. Von ihm habe ich gelernt, dass es ziemlich einfach sein soll, normale graue Mäuse zu fangen. Die weißen Mäuse allerdings, so mein Goldstück, sind wesentlich intelligenter. Sie schicken immer erst einen Vertreter vor, der die Lage peilt. Goldstück meinte, das läge vielleicht an der Hautfarbe. Überhaupt hat er eine einzigartige Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte in einfachen Worten auszudrücken. Er, der selber sehr dunkelhäutig ist, erklärte mir die erste mauretanische Regel im Straßenverkehr. Wenn du Ziegen oder Weiße siehst, meinte er, musst du bremsen. Bei Schwarzen, drück das Gaspedal durch. Dann bebte sein gewaltiger Körper von dem ungeheuren Lachen, dass ihn so sympathisch macht.

Goldstück ist ein Vertreter der unteren Mittelschicht, und lebt mit seiner Familie und seinem Vetter Tinana und dessen Familie in einem typischen afrikanischen städtischen Compound. Vor dem Haus ist ein umzäunter Platz, der als Werkstatt dient. Seitlich daran vorbei betritt man durch eine Tür den quadratischen Innenhof. Dieser ist vielleicht 8 × 8 m groß. Umgeben ist er auf einer Seite von einem Ziegenstall und auf den anderen Seiten von Küche und Aufenthaltsraum für Frauen und niedere Besucher, jeweils einem Wohn -, Schlaf - und Arbeitsraum für die Familien, und vor allem dem Salon. Die genaue Anzahl der Bewohner dieses Hauses konnte ich nicht feststellen, aber es waren an die 20. Der Salon ist ein teppichbedeckter, leerer Raum von etwa 40 m² Größe, dessen einziges Inventar ein Tragegestell für Dromedare sowie einige Kissen sind. Das Tragegestell ist eine Erinnerung an frühere Zeiten und dient gleichzeitig als Ablage und Kleiderständer. Hauptsächlich Männer betreten diesen Raum, aber auch maurische Frauen höheren Status können dort gemeinsam mit den Männern sich niederlassen. Die Atmosphäre ist äußerst entspannt. Man nimmt sich ein Kissen und legt sich erst mal bequem hin. Nach einigen Minuten der Konversation kommt eines der älteren Kinder und bringt die notwendigen Gerätschaften zum Händewaschen mit. Mit einer Kanne Wasser werden die Hände der Gäste und Mitglieder des Haushaltes übergossen, Seife wird gereicht und schließlich Handtücher.

Dann kommt, egal zu welcher Tages oder Nachtzeit, das Essen. Auf einem großen silbernen runden Tablett liegt in einem Reisbett der Fisch, das Huhn oder das Rindfleisch gemeinsam mit köstlich geschmorten Möhren, Auberginen und Süßkartoffeln. Alle greifen mit bloßen Händen zu, der Hausherr persönlich schiebt dem Gast die besten Stücke Fisch oder Huhn zu. Die Gesamtmasse wird in der hohlen Hand gut geknetet bis ein eigroßer Brocken entsteht der sich ohne größere Probleme in den Mund befördern lässt. Jeder der anwesend ist, oder gerade kommt, isst mit. Nachdem das Tablett leer ist - und ich habe nie eins gesehen, das auch nur Spuren von Restnahrung trug, nachdem die Mahlzeit vorbei war - kommt wieder eins der Kinder mit dem Geschirr zur Händereinigung. Danach wird verdaut, im Liegen. Nach einer Zeit des Dösens wird starker gesüßter Tee zubereitet und es beginnen dann die Gespräche. Wie alle Männer dieser Welt reden auch die Mauretanier am liebsten über Frauen. Natürlich unterscheiden sich ihre Ansichten gewaltig von denen eines Europäers. Ich erinnere mich an eine lange und kontroverse Diskussion über die Bemerkung von Goldstück, dass der Prophet gesagt habe, in der Hölle seien mehr Frauen als Männer. Dies sei darauf zurückzuführen, meinte er, dass, wenn Frauen fremdgehen, man nie sagen könne, wer dann der Vater des eventuell daraus resultierenden Kindes sei. Meine Bemerkung, dass zu einem jeden solchen Akt doch auch ein Mann gehöre, fiel auf fruchtlosen Boden. Goldstück liebte die Frauen, er war dafür berühmt und berüchtigt. Von dieser absurden Vorstellung allerdings konnte er sich nicht freimachen. Selbst seine mauretanischen Freunde und Verwandten, die sich in die Diskussion einschalteten, versuchten ihn zu besänftigen und seine Vorstellung zu ändern. Zum Abschluss der Diskussion meinte ich dann, wenn es denn so sei, wie er sagte, dann würde ich eben in die Hölle kommen und er könne sehen, was er davon habe, im Paradies die Ewigkeit mit Männern zu verbringen. Das stimmt ihn nachdenklich und das Gespräch endete im Gelächter der Anwesenden.

Goldstück ist ein vorbildlicher Familienvater. Zusätzlich zu seinen eigenen Kindern hat er ein elternloses Mädchen aus der Verwandtschaft aufgenommen. Er beschäftigt sich viel mit seinen Kindern, fährt mit ihnen und denen seines Vetters Tinana sowie allen, die zufällig da sind, samstags an den Strand und ist stolz darauf, dass alle in die Schule gehen. Seine Frau Khalifa, eine klassische afrikanische Schönheit, führt wie viele mauretanischen Frauen ein völlig anderes Leben als ihr Mann. Sie steht wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen unter der Drohung ihres Mannes, eine zweite oder dritte und vierte Frau zu nehmen. An den Diskussionen nimmt sie im Allgemeinen nicht teil sondern sitzt still da und bereitet Tee. Natürlich hört sie genau zu und manchmal meinte ich ein Aufblitzen in ihren Augen zu erkennen, wenn die Diskussion wieder einmal in die Absurditäten der männerdominierten Gesellschaft in Mauretanien sich begab. Meine Stellung als vertrauenswürdiger Außenseiter in der mauretanischen Gesellschaft machte es für manche Frauen möglich, mit mir über Dinge zu reden, die sie sonst vielleicht nicht aussprechen konnten. Nie werde ich vergessen, wie die Frau eines Besuchers zum Abschied zu mir sagte, ihr Mann würde sie "Die Alte" nennen, und er wolle sich eine zweite nehmen. Diese wunderschöne Dame war knapp über 30 und ihr Mann mindestens zehn Jahre älter.

Die Kinder waren natürlich begeistert von dem Besuch aus dem Ausland. Goldstück sagte mir, dass sie täglich nach mir fragten. Für mich waren die Kinder ein großes Glück und halfen mir über manche Probleme, Heimweh und die Gefühle des Alleinseins hinweg. Afrikanische Kinder sind weitgehend unbeaufsichtigt und organisieren sich selbst. Die Hierarchie ist klar und wird vom Alter bestimmt. Bringt man zum Beispiel Kekse oder Süßigkeiten mit, so übernimmt diese der oder die Älteste und verteilt sie gerecht. Diese Altershierarchie gilt in ganz Afrika, auch bei den Erwachsenen. Nach einiger Zeit war ich gleichsam ein Mitglied von Goldstücks Familie und täglich dort. Ich habe dort eine wunderbare Zeit verbracht, weiß aber, dass diese Geborgenheit auch ihren Preis hat. Die Familie ist Schutz und Gefängnis gleichzeitig, das sagen die Mauretanier selbst.

Zum Abschied sagte mir Goldstück, dass ich eine große Lücke hinterlassen würde. Ich glaube, das stimmt, denn auch in mir hat der Abschied von Goldstück und seiner Familie eine große Lücke hinterlassen und ich freue mich schon darauf, ihn und seine Lieben wieder zu sehen.

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